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iohacking ist ein doppeldeutiger Begriff. Vielfach wird er dazu genutzt, um auf die Selbstoptimierung einzugehen. Dieser Trend stammt aus dem US-amerikanischen Spitzensport. Auf Basis von physischen Messwerten wie dem K√∂rperfett oder dem Blut sollen die Ern√§hrungsweise, die Bewegung oder der Schlaf optimiert werden. Somit geht es darum, Geist und K√∂rper mithilfe von Hacks einen Booster f√ľr mehr Leistungsf√§higkeit zu geben. So weit, so gut. Darum soll es hier nicht gehen. Stattdessen besch√§ftigen wir uns mit dem Biohacking im Sinne des Transhumanismus und der Unsterblichkeit.

Leben, Tod, kybernetische Implantate

Seit jeher träumt der Mensch davon, unsterblich zu sein. Zahlreiche Mythen, Sagen und Legenden aus längst vergangenen Zeiten wiesen jedoch warnend auf folgendes hin: Die Unsterblichkeit kommt mit einem Preis. Und dieser Preis ist hoch. Besser wäre es, das Leben mit seinem Tod zu akzeptieren. Irgendwann sei ein Leben eben ausgelebt.

Das m√∂chten die Biohacker und Anh√§nger des Transhumanismus nicht akzeptieren. Sie suchen weiter nach der Unsterblichkeit und √ľberschreiten dabei so manche ethische Grenze.

Im Rahmen dessen besch√§ftigen sie sich mit kybernetischen Implantaten und der Kreierung von biologisch-technologischen Entit√§ten sowie Cyborgs. Ein weiterer Teilbereich ist das Neurohacking, bei dem Gehirn und Nervensystem ‚Äěgehackt‚Äú werden. Wenn dir jetzt ein kalter Schauer √ľber den R√ľcken l√§uft oder du ungl√§ubig die Stirn runzelst, dann ergeht es dir so wie vielen anderen. Biohacking klingt wie Science Fiction, aber ist real.

Cyborg: wenn Biologie und Technologie fusionieren

Kennst du den Film ‚ÄěTerminator‚Äú? Dann kennst du eine Variante eines Cyborgs. Es ist ein Mischwesen aus Maschine und biologischem Organismus. Maschine und Mensch werden zu einem integrierten System, das sich vom ‚Äěnormalen‚Äú Menschen unterscheidet und √ľber seine Norm hinausgeht. Nur einen Computer ‚Äězu tragen‚Äú, macht noch keinen Menschen zu einem Cyborg. Nein, beides muss sich miteinander tats√§chlich verbinden.

Im Kleinen gibt es daf√ľr zahlreiche Beispiele, die durchaus ihre Berechtigung haben. So existieren sehr spezielle Implantate, die Geh√∂rlosen oder Parkinson-Erkrankten helfen.

Hier handelt es sich um eine therapeutische Modifikation, denn ein Handicap soll ausgeglichen werden. Zwar wird die Technologie Teil des kranken bzw. behinderten Menschen, aber seine eigentlich naturgegebenen physischen Fähigkeiten werden nur wiederhergestellt. An der Seele und dem Geist der Person verändert sich nichts. Darauf zielt diese Cyborg-Technologie nicht ab.

Ein ethisches Problem stellt sich aber dann, wenn es bei den Cyborgs darum geht, das Bewusstsein zu modifizieren. Beim Menschen w√ľrde dies bedeuten: Die implantierte Technologie wird unmittelbar mit dem Gehirn oder dem Nervensystem verkn√ľpft. Das wirkt sich auf die Autonomie des Menschen entscheidend aus.

Hierzu ein Beispiel, das dieses Dilemma n√§her beleuchtet: Anton tr√§gt eine Brille. Sie hilft ihm, besser zu sehen. Ganz gleich, ob diese mit einem Computer versehen ist oder nicht, Anton bleibt durch die Sehhilfe ein autonomes, menschliches Wesen mit einem Selbst. Wird aber Antons Nervensystem mit dem Computer verkn√ľpft, ver√§ndert sich seine Individualit√§t. Und mit der Ver√§nderung seiner Individualit√§t wird seine Autonomie beeinflusst. Warum? Ein Computer wird Teil seines Netzwerks. Genau das f√ľhrt uns zu den BrainGate Experimenten.

BrainGate Experimente: es darf ein bisschen mehr sein

Cyborgs zu therapeutischen Zwecken einzusetzen, ist das eine. Diese Form des Biohackings offenbart jedoch auch die verlockende Möglichkeit, die Fähigkeiten einer Person zu erweitern. So ist der Terminator beispielsweise eine besonders resistente Kampfmaschine.

Die Grenze zwischen Therapie und Erweiterung menschlicher F√§higkeit l√§sst sich manchmal nicht leicht erkennen und verschwimmt. Personen mit schweren R√ľckenmarksverletzungen kann mithilfe der Cyborg-Technik erm√∂glicht werden, durch ihre funktionierenden Nervensignale Ger√§te zu bedienen.

Dadurch nehmen sie ein St√ľck mehr am Leben teil, was eine therapeutische Wirkung hat. Gleichzeitig ist es eine Erweiterung der F√§higkeiten, denn normalerweise kann ein Mensch nur mit Nervensignalen nicht einen Cursor auf dem Computerbildschirm bewegen.

Die Handsteuerung durch Gehirnsteuerung zu ersetzen, ist ein Forschungsfeld an der renommierten Brown University in den USA. Dort starteten auch die BrainGate Experimente. BrainGates sind Implantate, die es Patienten mit Schlaganfall, Querschnittl√§hmung und seltenen Nervenkrankheiten erm√∂glichen sollen, mit anderen zu kommunizieren und technische Ger√§te oder Lichtschalter zu bedienen. Ziel ist es, dass die Kommunikation in der Schnelligkeit einer Schreibmaschine erfolgt. Doch was passiert, wenn der Mensch diese Technik nicht aus therapeutisch vertretbaren Gr√ľnden einsetzt, sondern um einen gesunden Menschen zu optimieren? Was macht das mit der Seele und dem Geist? Und was ist, wenn sich so Unsterblichkeit erreichen l√§sst? Wer darf diese genie√üen und ist sie √ľberhaupt zu genie√üen? Ist das ein w√ľnschenswertes Zukunftsszenario?

Wie weit kann und werden wir gehen?

Sobald die Beschaffenheit des Gehirns ver√§ndert wird, ist dies ein drastischer Eingriff in das menschliche Leben. Sitzt die Technik bereits im Hirn, entsteht ein Cyborg, der von vornherein eine andere Basis als ein normaler Mensch hat, um Gedanken zu fassen. Wie weit werden Wissenschaftler und Forscher diesbez√ľglich gehen? Erh√§lt das Gehirn einen Extra-Speicher f√ľr mehr Fassungsverm√∂gen? Wird es mit leistungsstarken Mathematikf√§higkeiten ausgestattet, um eine wahrhaftige Rechenmaschine im Kopf zu erschaffen?

Auf einmal wird die Welt dann anders erfasst, was wiederum das Denken und damit auch das Selbst und das Empfinden ver√§ndert. Und wenn dieser Cyborg dem Menschen mental und k√∂rperlich √ľberlegen ist, m√∂chte er sicherlich nicht seine F√§higkeiten wieder aufgeben. Vermutlich w√ľrde ihn ein ‚Äěnormaler‚Äú Mensch sogar langweilen.

Hier schließt sich die Frage an: Was ist moralisch vertretbar?

Ein Cyborg hat keine Individualität, keine Seele und keinen Geist. Das liegt daran, dass er aus bloßen Verbindungspunkten in einem smarten Maschinen-Netzwerk besteht. Wer möchte so werden? Und wer bestimmt, wer so werden darf und wer nicht? Wie wird das Verhältnis zwischen Cyborgs und Menschen sein? Wie werden die Werte und Normen der Cyborgs sein? Möchten wir auf diese Weise unsterblich werden?

So faszinierend dieses Forschungsgebiet auch ist, es bewegt sich aus ethischer Perspektive auf einer ganz d√ľnnen Eisschicht.

‚ÄćWeitere Informationen und Quellen zum obigen Thema:

Publiziert am
Feb 24, 2022
 in Kategorie:
Digitale Unsterblichkeit

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